Wer rastet – der rostet!

Dieser geflügelte Ausspruch trifft vor allem auf die Weinbauern zu, die immer noch glauben, dass alt eingesessene Traditionen und das Beharren auf eingefahrenen Abläufen den Berufstand der Weinbranche aufrecht zu erhalten vermögen. Dem ist nicht so!


An der interkantonalen Tagung für Rebbauberater/-innen vom 11. Dez. 2019, kamen verschiedene, wegweisende Themen zur Sprache. Nachfolgend eine Zusammenfassung der ganztägigen Veranstaltung

Dietrich Bögli und Andreas Buser (als Moderator) begrüssen rund 50 Gäste in der Aula im Ebenrain. Sie verweisen auf die nützliche Zusammenarbeit der nicht nur interkantonalen, sondern auch internationalen Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Rebbaus und auch anderen landwirtschaftlichen Betriebszweigen. Diese Kooperation fördere grenzüberschreitende Fachkompetenz, Stärken, Knowhow und Vernetzung.


Rebjahr Rückblick – Bericht Agroscope

Michael Goelles fasst kurz das Klimaverhalten des diesjährigen Rebjahres (2019) zusammen. Extreme Temperaturen und vor allem regional unterschiedliche Niederschläge führten zu vermehrtem Pockenmilbenbefall und im regenreichen Juni zu Echtem und Falschem Mehltau. Die Ernten waren zwar geringer, die Qualität aber zufriedenstellend.

Kathleen Mackie-Haas von Agroscope/WBZW ergänzt in ihren Ausführungen, dass die ersten Falscher-Mehltau-Infektionen bereits Ende Mai möglich waren und sich im Juni dann massiv steigerten. Es stellt sich deshalb die Frage, ob bei den offiziellen Infektionsprognosen/-warnungen der «Temperatur/Zeit»-Faktor heruntergesetzt werden sollte.
Agrometeo: Beim wichtigen Info-Tool Agrometeo kommt eine verbesserte Software zum Einsatz, die benutzerfreundlicher, interaktiver und auch «handykompatibel» ist.
Pflanzenschutz: bei Chlorothalonil, Mimic, Chlorpyrifos werden die Bewilligungen zurückgezogen.
Anwenderschutz: die zunehmende Gefährdung bei der Anwendung von PSM soll neu auf der Packung ein gelb/orange/rotes Symbol auf die erforderlichen Schutzmassnahmen hinweisen.
KEF: im Vergleich zu den Vorjahren war die Präsenz relativ hoch. Zur Zeit wird bei Agroscope ein Test mit «Fangpflanzen» durchgeführt.
Goldgelbe Vergilbung und Schwarzholzkrankheit: Beide, in die Deutschschweiz vordringende Viruskrankheiten, sollten unbedingt bei Erkennen gemeldet und ausgerissen werden (siehe auch Beitrag C. Marazzi unten).


Neue Rebsorten / PIWI’s

Urs Weingartner gibt einen kurzen, geschichtlichen Einblick in die Geschichte der Sortenzüchtung:

  • 1. Hälfte 19. Jahrhundert: erste Kreuzungen in Amerika
  • 2. Hälfte 19. Jahrhundert: auch in Europa (Reblaus, Falscher und Echter Mehltau, Frost)
  • Aufschwung der PIWI-Sorten (kriegsbedingter Mangel an Kupfer und Schwefel)
  • 2015 sind erst 1,4% der CH-Fläche PIWI-Sorten (in der NW-CH bereits 9,2%!). Tendenz ist steigend, so wurden 2018 in der NW-CH bereits 12,2% angebaute Fläche registriert.

Weisse PIWI-Sorten in der Schweiz: 1. Johanniter, 2. Solaris, 3. Muscaris.
Weisse PIWI-Sorten in der NW-CH: 1. Johanniter, 2. Cabernet Blanc, 3. Sauvignac.

Rote PIWI-Sorten in der Schweiz: 1. Divico, 2. Regent, 3. Cabernet Jura.
Rote PIWI-Sorten in der NW-CH: 1. Cabernet Jura, 2. Maréchal Foch, 3. Regent.

Regent-Trauben; Foto aus dem Badischen DE

Egon Zuberer (Baden-Würtemberg) gibt uns einen Überblick über die Entwicklung des PIWI-Anbaus in Deutschland, der erst im Jahr 2000 einen Aufschwung erlebte, auf Druck der Öffentlichkeit (und einigen Ideologen!). Erst 2,5% der Gesamtfläche Deutschlands (von über 100’000 ha) sind PIWI-Sorten. Bei den Weissen dominieren die Sorten Solaris und Cabernet blanc, bei den Roten Regent gefolgt – mit grossem Abstand – von Cabernet Cortis.
Etwas in Vergessenheit geraten sei bei der ganzen PIWI-Euphorie die Kellerbewirtschaftung. Hier gelte es, einiges nachzuholen – dort sind noch viele Fragen offen.

Helena Römer von Agroform/Interreg (BL, BS, SO, AG, FR, DE) verweist darauf, dass praktisch alle lancierten Projekte in die ähnliche Richtung gehen: mit dem Anbau von PIWI-Sorten wird die Reduktion von Pflanzenschutzmitteln und Düngemitteln erst möglich. Ein besseres Verständnis in Sachen Pflanzen- und Bodeneigenschaften unterstützen die Bemühungen wesentlich.
Verstärkte Ausbildung auf dem Gebiet des Weinbaus, Erfahrungsaustausch über Sorten, Anbaumethoden, Vinifikation, Vermarktung und Konsum sind die wichtigen Voraussetzungen für den weiteren Erfolg unseres Produktes «Wein».

Gerhard Wunderlin, der Praktiker aus Zeiningen AG ist ein grosser Befürworter der PIWI-Sorten. Es lohnt sich, den Schritt jetzt zu vollziehen, nicht irgendwann! Die Chancen/Risiken wahrnehmen und durchsetzen: neue Weine, neue Märkte, etc.



In der Pause marschiert alles Richtung Schloss Ebenrain. Der Kanton Aargau lädt zu einem Apéro im Gewölbekeller des Schlosses ein.


Applikationstechnik mit Drohnen

Thomas Anken vom FAT Tänikon berichtet über die Möglichkeiten vom Drohneneinsatz beim Pflanzenschutz. Die Schweiz ist das erste europäische Land mit Zulassung (!). Nicht jeder Hobbypilot (und -pilotin) darf jedoch in der Gegend herumfliegen und «herumspritzen». Es braucht eine BAZL-Bewilligung (www.bazl.admin.ch/drohnen) und eine Drohnen-Typenbewilligung, erteilt durch die FAT. Zurzeit sind 16 Typ-Zulassungen erteilt worden.

„Dronella electris“, Bild Agroscope

Die Anforderungen an die neue Technik sind hoch, aber nicht unerreichbar oder gar schikanös. Es braucht Vorschriften (ähnlich wie beim Helikopter), Ausbildung, technisches und digitales Knowhow sowie Professionalität. Der überbetriebliche, sorgfältige Einsatz und Informationsaustausch und die Vernetzung sind gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches «Drohnen-Zeitalter».


Pflanzengesundheitsverordnung

Markus Bünter von Agroscope Wädenswil zeigt sich zunehmend besorgt über die «Einfuhr schädigender Organismen» in die Schweiz. Der zunehmende Welthandel bringt im «Gepäck» Organismen aller Art über die Grenzen: Fruchtfliegen, Wanzen, Schildläuse, Käfer etc. Und dank der Klimaerwärmung erhalten asiatische Schädlinge zudem noch «angenehme» Lebens- und Entwicklungsbedingungen.

Beispiele von in die Schweiz importierter Schädlinge:

  • Kirschessigfliege (KEF) (seit 2011)
  • Marmorierte Baumwanze (seit 2012)
  • Mittelmeerfruchtfliege (seit 2016)
  • Bananenschildlaus (seit 2016)
  • Japankäfer (wird erwartet …)
Japankäfer, Bild Agroscope

Mit dem Fokus auf Prävention soll die neue «Pflanzengesundheitsverordnung» das Problem in den Griff bekommen durch:

  • Vorsorgemassnahmen (Grenzkontrollen, Lagerkontrollen etc.)
  • Eigenverantwortung der Betroffenen (Reb- und Baumschulen, Notfälle, Informationen etc.)
  • Katalogisierung und Priorisierung der Schadorganismen
  • Pflanzenpass-System (bei Import, Setzlings-Einkauf etc.)

Christina Marazzi vom Pflanzenschutzdienst Tessin berichtet über die sich seit 2004 verbreitende «Goldgelben Vergilbung» (GGV) und «Schwarzholzkrankheit» im Tessin.

Die Rebenzikade – Überträger des GGV-Virus (Foto iva – Industrieverband Agrar DE)
Goldgelbe Vergilbung an roten Trauben (Foto Agroscope)

Das Insektizid «Applaud» darf aus Überlegungen betreffend Nutzen und ökologischem Schaden nicht mehr zur Bekämpfung des Vektors (Überträgers) Rebenzikade verwendet werden. Zurzeit läuft ein 2-jähriges Moratorium. Die Suche nach neuen Insektiziden oder Nützlingen ist am Laufen. Erfreulicherweise ist die Tessiner Hauptsorte «Merlot» (80% der Fläche) relativ tolerant gegenüber GGV.

Fazit: Goldgelbe Vergilbung und Schwarzholzkrankheit lassen sich visuell nicht unterscheiden. Es hilft zum jetzigen Zeitpunkt nur die Rodung der befallenen Pflanzen. Wenn sich die Weinbauern damit auch schwertun – einmal befallene Weinstöcke erholen sich nicht mehr!


Mit dem Hinweis, dass die nächste Tagung an 16. Dezember 2020 stattfindet, endet der interessante Anlass.

Zu allen oben erwähnten Beiträgen hat uns Andreas Buser einen Link zu den ausführlichen Präsentationsfolien vorbereitet

  1. Jud / 12.12.2019